Gedanken/Blog

Das Übersinnliche in der pädagogischen Beziehung (13.08.2019)

In der Beschäftigung mit dem, was die pädagogische Beziehung wesentlich auszeichnet, scheint mir der folgende Aspekt bedeutsam: Die pädagogische Beziehung ist von einem besonderen Blick geprägt. Es handelt sich um einen Blick, der vom Pädagogen ausgeht und sich dadurch auszeichnet, dass er das Kind nicht nur sieht, wie es ist. Vielmehr scheint es so, dass der Blick über das faktisch Gegebene hinaus in die Möglichkeiten des Gegenübers hineinreicht. Diese Überlegung ist nicht neu, sie findet sich in den Arbeiten von Werner Sesink wieder, der diesen Blick als transzendentalen Blick bezeichnet, aber auch in den Schriften von Karl Jaspers, Otto Friedrich Bollnow, ja selbst Platon hat in seinem Dialog Alkibiades I diese Figur entdeckt.

Die Bezeichnung „transzendentaler Blick“ scheint mir für dieses Phänomen der geeignete Ausdruck zu sein. Es handelt sich dabei um einen bedeutenden Blick, denn er deutet auf die Potenzialität des Kindes. Das Kind, mehr noch: der Mensch als solcher, existiert als ein möglicher Mensch. Möglichkeiten sind allerdings noch nicht wirksam. Sie befinden sich in einem Modus, den man als Zwischenraum zwischen Sein und Nichts charakterisieren kann. Die Möglichkeiten eines Menschen sind nicht nicht vorhanden, aber zugleich sind sie als nicht verwirklichte in einer anderen Weise vorhanden, wie beispielsweise ein Wort anklingt oder eine Bewegung vollzogen wird.

Wenn man diese einfache Überlegung ernst nimmt, kann man bereits eine Unterscheidung in drei Bereiche bemerken: den ersten Bereich kann man vorläufig Wirklichkeit nennen. Der ausgesprochene Satz des Kindes hat eine Wirkung. Es macht einen Unterschied, ob der Satz ausgesprochen wurde oder nicht. Der zweite Bereich ist das Nichts – auch wenn es sprachlich paradox klingt, vom Nichts als etwas zu sprechen, das ist. Zwischen der Wirklichkeit und dem Nichts entspannt sich der Möglichkeitsraum.

Das, was im Möglichkeitsraum währt, kann unter bestimmten Umständen in die Wirklichkeit gelangen. Dort hinein gelangt die Möglichkeit des Kindes jedoch nur dann, wenn sie als Möglichkeit wahrgenommen wird. Der Begriff Wahrnehmung ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Er besagt nicht, dass etwas wahr ist, wohl aber, dass etwas für wahr genommen wird. Man nimmt es aus dem Verborgenen, dem noch nicht sinnlich Fassbaren heraus, indem man die Möglichkeit in irgendeiner Weise bemerkt.

Wenn das Mögliche nun aber nur potenziell ist und in diesem Sinne keine Wirklichkeit darstellt, kann sie nicht über die Sinne bemerkt werden. Das genaue Beobachten des Kindes mithilfe der Sinnesorgane sorgt daher nicht für eine Wahrnehmung der Möglichkeiten. Es braucht also eine nicht sinnliche Instanz, die zumindest grundsätzlich in der Lage ist, das Mögliche wahrzunehmen – eine Instanz, die über die Sinne hinausgeht. Das Übersinnliche erscheint daher als ein entscheidendes Moment in der pädagogischen Beziehung. Entscheidend ist das Übersinnliche insofern, als es, indem es die Möglichkeiten wahrnehmen kann, ihnen den Weg zur Verwirklichung bahnt und damit das Geschiedensein zwischen einerseits wirken zu können (aber nicht zu wirken) und anderseits nicht zu wirken (aber wirken zu können) überwindet.

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Angst als Herrschaftsinstrument (08.08.2019)

Aktuell entfaltet sich eine neue Eskalationsstufe im sogenannten Handelskrieg zwischen den USA und China. Auf der chinesischen Nachrichtenseite china.org.cn ist nachzulesen, dass China die Wechselkurse angepasst habe. Eine Folge dieser Anpassung besteht darin, dass aus den USA exportierte Güter nun teurer verkauft werden müssen, was, so wird befürchtet, negative Konsequenzen für die US-amerikanische Wirtschaft haben wird. Den Chinesen wird Währungsmanipulation vorgeworfen, zugleich wird mit Konsequenzen gedroht. Auf NTV wird gar von der gefährlichsten Situation seit 2009 gesprochen.

Von alledem verstehe ich fast gar nichts. Nun bin ich kein Ökonom, aber doch jemand, der durchaus auch schwierige Texte lesen und komplexe Überlegungen zumeist einigermaßen nachvollziehen kann. Ich kann mich in Zusammenhänge hineindenken, und doch lese ich verschiedene Artikel zum Handelsstreit, höre mir Podcasts und Diskussionen von Fachleuten an, ohne zu durchdringen, was hier eigentlich stattfindet, was diese Auseinandersetzung zwischen den USA und China konkret bedeutet, welche Folgen diese Entwicklung aktuell hat und welche zukünftigen Szenarien denkbar sind. Wenn tatsächlich eine ernsthafte globale Finanzkrise daraus erwachsen kann, sollte ich das wissen. Auch sollte ich wissen, wie ich mich auf eine solche Situation vorbereiten muss, was sinnvoll, was übertrieben ist. Wie aber kann ich mich auf etwas vorbereiten, das ich nicht einzuschätzen vermag?

Dieses Nicht-Begreifen hat nichts mit Bildung zu tun, auch nichts mit mangelnder Denkfähigkeit. Es ist ein strukturelles Problem, das zu begreifen mir im Rückgriff auf eine Überlegung von Rainer Mausfeld leichter fällt. Mausfeld arbeitet in seiner aktuellen Publikation Angst und Macht den Gedanken heraus, dass in der sogenannten kapitalistischen Demokratie die Angst als ein Instrument der Herrschaft eingesetzt wird. Genauer: Die Machtinhaber sorgen dafür, dass bei denen, die keine Macht haben, die also ohnmächtig sind, Ängste erzeugt und vorhandene Ängste aufrechterhalten werden.

Eine solche instrumentelle Verwendung von Angst ist sinnvoll, um vorhandene Machtstrukturen zu erhalten und auszubauen. Menschen, die Angst haben, neigen zu einer Verengung ihres Aufmerksamkeitsfeldes und ihres Denkens. Weniger aufmerksame Menschen bemerken kaum noch, wie und auf welche Weise sich Machtstrukturen gegen ihre eigenen Interessen etablieren. Menschen im Angstzustand haben, so Mausfeld, zudem Probleme, aus den eigenen gesellschaftlichen Erfahrungen angemessene Schlussfolgerungen zu ziehen. Man könnte es auch so formulieren: Menschen in Angst vertrauen ihren eigenen Erfahrungen kaum noch und neigen daher tendenziell eher dazu, auf diejenigen zu hören, die ihnen wieder und wieder sagen, wie ihre Erfahrungen einzuordnen sind. Sie richten sich dann nach etwas aus, was ihrem Eigenen nicht unbedingt entspricht. Und ein weiteres Moment kommt hinzu: Menschen in Angst sind angespannt und sehnen sich nach einer Entladung dieser Anspannung. Solche Entladungen können unterschiedliche Formen annehmen, auch destruktive. Man denke nur an solche, die die eigene Angst nicht mehr ertragen und wild um sich schlagen. Ein solches Um-sich-schlagen kann auch vermittelt und gewissermaßen stellvertretend stattfinden, z.B. in Form eines letztlich ersehnten militärischen Zuschlagens.

Die Angst, um die es hier geht, ist eine weitestgehend unspezifische, auch dann, wenn sie sich scheinbar durchaus auf etwas Bestimmtes zu konzentriert. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder schlichtweg davor, dass nach Ende des befristeten Vertrages zwar eine andere Beschäftigung erfolgt, die jedoch zu wenig Geld einbringt, um den Lebensstandard zu halten. Diese Angst ist durchaus auf etwas klar zu Benennendes gerichtet, aber es handelt sich dennoch nur scheinbar um eine reale Angst. Sie ist nämlich auch dann noch vorhanden, wenn der Arbeitsplatz und der hinreichende Verdienst sicher sind. Dann wird die Angst vielleicht zur Angst vor einer Erkrankung, Angst vor Terroranschlägen, Angst vor einer globalen Finanzkrise, dem plötzlichen Ende einer Beziehung, Angst vor einem Blackout, Angst vor Chemtrails, Ufos oder vor dem Einschlag eines Asteroiden.

Die scheinbare Realangst bzw. das, was zunächst eine Furcht vor etwas Bestimmten meint, ist tatsächlich eine Binnenangst, d.h. eine unbestimmbare und unbegreifbare Angst. Es handelt sich um eine Angst, vor der man nicht fliehen kann. Eine solche Angst zu erzeugen und aufrecht zu erhalten gelingt dann, wenn sie mit Unwissen einhergeht. Der Handelskrieg erscheint gerade dadurch so gefährlich, weil in sämtlichen Medien davon die Rede ist und zugleich ein Unverständnis über die Zusammenhänge und Funktionsweise des Marktes vorherrscht. Wie aber konnte es zu einem solchen in der Breite der Bevölkerung vorherrschen Unverständnis überhaupt kommen? Warum wissen wir so wenig über die Funktionsweise des Marktes, von dem bestimmte Kräfte wollen, dass nach seinen Regeln sämtliche Ordnungen der Gesellschaft(en) umgestaltet werden sollen? An dieser Stelle hat Bildung, die traditionell einst der Aufklärung und dem Ideal der Befähigung zur Mündigkeit verwoben ist, bis in die höchsten Ebenen der Universitäten versagt. Mausfeld trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er unterstreicht, dass wir es mit einer Markttheologie und zugleich mit einer Unmündigkeit und Unaufgeklärtheit der Menschen zu tun haben. Wir sollen glauben, was wir nicht verstehen und im Zweifelsfall uns von den Priestern des gottgleichen Marktes beruhigen lassen.