Es gehört zu den eigentümlichen Versprechen künstlicher Intelligenz, dass sie uns von Tätigkeiten entlasten soll, die bislang als Ausdruck menschlicher Geistestätigkeit galten. Texte können verfasst, Argumente geprüft, Zusammenhänge erschlossen und Entscheidungen vorbereitet werden, ohne dass der Mensch all dies noch selbst vollziehen müsste. Gewiss, was dabei entsteht, mag nützlich sein, manchmal sogar beeindruckend. Bemerkenswerter als die Qualität der Ergebnisse ist jedoch eine Veränderung, die sich nahezu unbemerkt vollzieht und die darin besteht, dass wir beginnen, geistige Tätigkeiten zunehmend von ihrem Ergebnis her zu verstehen. Ein Gedanke erscheint dann vor allem als etwas, das sich hervorbringen, verbessern und möglichst rasch verfügbar machen lässt. Doch was geht verloren, wenn Denken auf diese Weise verstanden wird?
Martin Heidegger hat diese Frage Mitte der 1950er Jahre gestellt. Als er in Meßkirch im Rahmen einer Gedenkveranstaltung seine Rede zur „Gelassenheit“ hielt, stand nicht das Digital- oder KI-Zeitalter, sondern das Atomzeitalter im Zentrum seiner Überlegungen. Gleichwohl trifft seine Diagnose einen Punkt, der heute in anderer Gestalt wiederkehrt. Heidegger unterscheidet das rechnende vom besinnlichen Denken. Rechnendes Denken plant, untersucht, vergleicht Möglichkeiten und kalkuliert Erfolge. Dabei muss es keineswegs mit Zahlen operieren; es bleibt, wie Heidegger hervorhebt, auch dort ein Rechnen, wo keine Rechenmaschine eingesetzt wird. Dieses Denken ist notwendig und stellt die Bedingung für zahlreiche technologische Errungenschaften dar, die uns gegenwärtig das Leben und den Alltag erleichtern. Problematisch wird es erst, wenn es den gesamten Horizont dessen besetzt, was überhaupt noch als Denken gilt.[1]
Das besinnliche Denken richtet sich auf etwas anderes. Es fragt nach dem Sinn dessen, was uns begegnet, ohne diesen Sinn bereits als ein herstellbares Ergebnis vorauszusetzen. Besinnliches Denken hält inne, lässt sich betreffen, verweilt bei einer Frage. Heidegger spricht von Anstrengung, Einübung und der Fähigkeit zu warten.[2] Warten ist hier freilich nicht die bloße Verzögerung einer erwarteten Antwort. Wer wartet, um möglichst bald zu einem verwertbaren Resultat zu gelangen, hat das Warten bereits wieder in ein Verfahren verwandelt. Besinnung meint demgegenüber eine Offenheit, in der sich zeigen könnte, was dem planenden Zugriff entgeht – und möglicherweise zeigt sich nichts Eindeutiges, doch auch das wäre auszuhalten.
Nun wäre es nicht nur verkürzt, sondern schlichtweg falsch, generative KI mit dem rechnenden Denken gleichzusetzen und den Menschen zum Hüter eines vermeintlich ursprünglichen Denkens zu erklären. Rechnendes Denken ist zunächst eine menschliche Weise, sich zur Welt zu verhalten, d.h. sich in ihr zu orientieren. KI-Systeme können dabei als Ausdruck und technische Steigerung einer solchen Orientierung verstanden werden – sie machen diese Orientierung aber auch in einer bislang ungekannten Weise verfügbar. Wo nämlich Fragen in Eingaben und Antworten in Ausgaben überführt werden, liegt es nahe, den Wert einer gedanklichen Bewegung am erzeugten Resultat zu messen; und selbst die Aufforderung, kritisch zu denken, kann sich dann in eine optimierbare Aufgabenfolge verwandeln. Der Mensch überprüft die Antwort, verbessert seine Eingabe, bewertet das Ergebnis. Alles daran kann sinnvoll sein. Nur ist damit noch nicht geklärt, worüber eigentlich nachgedacht wird.
Heideggers Überlegungen zielen weniger auf eine Kritik jener Beschleunigung ab, die mit der modernen Technik einhergeht. Die technische Welt besitzt für ihn durchaus einen Sinn, nur entzieht sich dieser Sinn einer restlosen Bestimmung. In der „Gelassenheit“ spricht er von einem Sinn, der sich zeigt und zugleich verbirgt. Die entsprechende Haltung, die es hier einzunehmen gälte, nennt er „Offenheit für das Geheimnis“.[3] Das Geheimnis ist also keine Wissenslücke, die sich durch mehr oder bessere Daten schließen ließe; gemeint ist vielmehr, dass Wirklichkeit nicht darin aufgeht, Gegenstand menschlicher Berechnung zu sein. Anders formuliert: Das, was ist und wirkt, verweist auf mehr. Sich diesem Mehr zu widmen, indem man sich ihm denkend zuwendet, ist der mit dem Wirken moderner Technik einhergehende Anspruch, dem sich der Mensch durch eine ihm grundsätzlich eigene Denkhaltung öffnen kann, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Was geschieht aber, wenn sich im Menschen die Fähigkeit zu einer solchen Haltung kaum noch entfaltet? Die Gefahr besteht nicht allein darin, dass Menschen bestimmte Denkfähigkeiten verlieren könnten. Schwerer wiegt, dass die Frage nach einem anderen Verhältnis zur Welt überhaupt an Plausibilität verliert. Was sich nicht berechnen, nicht abfragen und nicht unmittelbar beantworten lässt, erscheint als Störung. Das Ungewisse wird zum Defizit, das Schweigen zur unproduktiven Zeit. Und das Denken selbst? Es droht mit der Bearbeitung dessen zusammenzufallen, was bereits als Aufgabe vorliegt. Heidegger hält es für möglich, dass höchste technische Leistungsfähigkeit mit einer geradezu vollständigen Gedankenlosigkeit einhergeht.[4] Diese eigentümliche Gleichzeitigkeit sollte zu denken geben.
Eine solche Entwicklung beginnt allerdings nicht erst mit der Einführung generativer KI. Jonathan Haidt beschreibt in „Generation Angst“, wie eine smartphonebasierte Kindheit mit sozialer Deprivation, Schlafmangel, fragmentierter Aufmerksamkeit und Abhängigkeitsmechanismen verbunden sein kann.[5] Besonders eindringlich ist seine Überlegung, dass digitale Angebote Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen, die anderen Erfahrungen nicht mehr zur Verfügung stehen. Die von ihm herausgearbeiteten Unterschiede zwischen den Erfahrungen von Mädchen und Jungen betreffen unter anderem den sozialen Vergleich, aber auch Konflikte in digitalen Netzwerken, Rückzug in virtuelle Welten und die Verdrängung unmittelbarer sozialer Erfahrungen. Die empirische Diskussion über Ausmaß und Ursachen psychischer Belastungen ist damit keineswegs abgeschlossen, mit anderen Worten: Haidts Deutungen sind – wie so vieles im Leben, was von Bedeutung ist – nicht in jeder Hinsicht unumstritten. Gleichwohl berühren sie die Bedingungen, unter denen sich ein Mensch auf etwas einlassen kann, das nicht sogleich einen Reiz oder eine Antwort verspricht.
Haidt untersucht vor allem Smartphones und soziale Medien. Daraus folgt noch nicht, dass generative KI dieselben Wirkungen besitzt. Die Verbindung ist vielmehr bildungstheoretischer Art, womit gemeint ist, dass eine Lebenswelt, in der Aufmerksamkeit fortwährend beansprucht und Ungewissheit möglichst rasch aufgelöst wird, jene Geduld untergraben könnte, auf die besinnliches Denken angewiesen ist. Generative KI verschärft diese Frage, denn sie bietet nicht lediglich Ablenkung, sondern Antworten, und sie kann uns in gerade jenen Momenten entgegenkommen, in denen eine Frage erst beginnen würde, uns wirklich zu beschäftigen. Für Bildung entsteht daraus ein merkwürdiger Widerspruch. Bildung soll Menschen befähigen, sich in einer durch KI geprägten Welt zurechtzufinden, wozu eben auch gehört, technische Systeme kompetent, urteilsfähig und verantwortlich nutzen zu können. Wenn Bildung sich jedoch darin erschöpft, Menschen für eine immer umfassender berechenbare Welt funktionsfähig zu machen, übernimmt sie möglicherweise genau jene Verengung, der sie begegnen müsste. Dann wird schließlich sogar Selbstständigkeit nur noch als effizientere Organisation von Lernprozessen verstanden. Wer eine gute Antwort erzeugen kann, gilt als kompetent, wobei nebensächlich bleibt, ob ihn die Sache, über die gesprochen wird, überhaupt berührt, geschweige denn unter die Haut geht.
Bildung, die beide Denkweisen ernst nimmt, müsste deshalb auch Erfahrungen zulassen, deren Sinn nicht vorab feststeht. Das kann im Schulunterricht oder im Rahmen von Seminaren beginnen, vor allem dann, wenn eine Frage nicht sofort durch eine Suchanfrage oder einen KI-Dialog stillgestellt wird, wenn ein widersprüchlicher Text widersprüchlich bleiben darf und wenn Lernende Gelegenheit erhalten, eine eigene Formulierung zu riskieren, sich an ihr zu stoßen und sie wieder zu verwerfen. Solche Situationen lassen sich pädagogisch vorbereiten. Ihr Ergebnis lässt sich allerdings nicht erzwingen, und genau darin liegt ihre Bedeutung.
Damit ist keineswegs gefordert, digitale Technik aus Bildungsprozessen auszuschließen. Im Gegenteil könnte die Auseinandersetzung mit KI selbst zum Anlass einer Besinnung werden. Entscheidend ist, so scheint mir, die Verwendung der Technik nicht mit dem Sinn der Auseinandersetzung zu verwechseln. Die Fähigkeit, KI gezielt nicht zu nutzen, wäre dann kein Zeichen mangelnder Kompetenz, sondern Ausdruck eines freien Verhältnisses zu ihr.
Freilich lässt sich Gelassenheit nicht als weiteres Lernziel verordnen. Sobald sie durch methodisch abgesicherte Übungen zuverlässig hergestellt werden soll, wird sie selbst zum Gegenstand rechnenden Denkens. Pädagogik kann allerdings sehr wohl Voraussetzungen schaffen, kann Zeit gewähren, Begegnungen ermöglichen und die Zumutung einer offenen Frage nicht vorschnell beseitigen. Ob daraus Besinnung erwächst, bleibt unverfügbar. Vielleicht ist genau dieses Eingeständnis für eine Bildung im Zeitalter künstlicher Intelligenz entscheidend: dass der Mensch nicht alles machen kann, was für ihn wesentlich ist. Auch das Denken nicht.
